Wirtschaftsstandort Graz 2026: Rekordschulden, Zuzugs-Trendwende und die 10 WKO-Impulse
Graz erwirtschaftet gemeinsam mit dem Umland 46 Prozent der steirischen Wertschöpfung und glänzt mit Spitzenforschung. Gleichzeitig führt die Murmetropole das Schuldenranking der Landeshauptstädte an, verliert im Binnensaldo Inländer und kämpft mit 112.000 täglichen Einpendlern. Die 54-seitige WKO-Studie im Detail.
Graz ist das wirtschaftliche und wissenschaftliche Zugpferd der Steiermark: Fast 60.000 Studierende, elf COMET-Kompetenzzentren und eine Forschungsquote von über fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts sichern der Murmetropole einen Spitzenplatz unter den Innovationsregionen Mitteleuropas. Zusammen mit dem Umlandbezirk Graz-Umgebung generiert die Region fast die Hälfte der gesamten steirischen Wirtschaftsleistung.
Gleichzeitig offenbart die umfassende „Standortanalyse Graz 2026+“ des Instituts für Wirtschafts- und Standortentwicklung (IWS) der WKO Steiermark gravierende strukturelle Herausforderungen. Die Bestandsaufnahme belegt: Graz steht vor Rekordschulden, einer veränderten Zuzugsstruktur, akutem Mangel an Gewerbeflächen und drohendem Verkehrsinfarkt vor anstehenden Sanierungsgroßprojekten.
Mit 1,9 Milliarden Euro Gesamtverbindlichkeiten (2024) hat die Stadt Graz die höchste Pro-Kopf-Verschuldung aller neun österreichischen Landeshauptstädte erreicht – vor Wien (6.054 €) und weit vor Linz, Klagenfurt (1.083 €) oder Salzburg (89 €).
1. Öffentliche Finanzen: Der Sprung des Schuldenbergs
Die Finanzschulden der Stadt Graz haben sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten vervierfacht (+300 Prozent). Betrugen die Verbindlichkeiten im Jahr 2002 noch moderate 0,5 Milliarden Euro, stiegen sie 2018 auf rund eine Milliarde und kletterten bis zum Rechnungsabschluss 2024 auf 1,9 Milliarden Euro.
Allein zwischen 2020 und 2024 legten die Schulden pro Kopf um 1.273 Euro bzw. 25 Prozent zu.
| Landeshauptstadt | Finanzschulden pro Kopf (2024) | Steuerkraftkopfquote (2024) |
|---|---|---|
| Graz | 6.352 € (Rang 1) | 2.427 € (Rang 7) |
| Wien | 6.054 € | 5.231 € |
| Bregenz | 6.054 € | 2.449 € |
| Linz | Deutlich unter Graz | 2.869 € |
| Klagenfurt | 1.083 € | 2.418 € |
| Salzburg | 89 € | 2.937 € |
Verschärft wird die Situation dadurch, dass Graz bei der Steuerkraftkopfquote (eigene Abgaben plus Ertragsanteile) mit 2.427 Euro lediglich auf Platz 7 der 9 Landeshauptstädte liegt. Das bedeutet: Aufgrund der Wirtschaftsstruktur generiert die Stadt pro Kopf deutlich geringere Steuereinnahmen als Linz oder Salzburg, trägt aber als Ballungszentrum erhebliche Infrastruktur- und Sozialausgaben für das gesamte Umland.
2. Demografie: Zuzug nur noch von außen, Binnensaldo negativ
Zwischen 2010 und 2025 wuchs Graz um rund 20 Prozent (+50.162 Bürger) auf 305.314 Einwohner – viermal schneller als das Land Steiermark (+5,5 Prozent). Doch die Analyse deckt eine fundamentale Kehrtwende auf:
- Negative Binnenwanderung seit 2017: Saldiert ziehen jedes Jahr mehr Inländerinnen und Inländer aus Graz weg als aus anderen österreichischen Regionen zu. Viele Familien wandern in den Umlandbezirk Graz-Umgebung ab.
- Wachstum speist sich rein aus internationaler Zuwanderung: Rund 89.484 Menschen ohne österreichische Staatsbürgerschaft leben in Graz – ein Anteil von knapp 30 Prozent. Fast die Hälfte aller in der Steiermark lebenden Nicht-Österreicher wohnt im Grazer Stadtgebiet.
- Stagnation voraus: Bis 2040 verlangsamt sich das Wachstum in Graz voraussichtlich auf nur noch 5,7 Prozent (auf ca. 315.500 Personen). Graz-Umgebung wächst im selben Zeitraum mit prognostizierten +7,9 Prozent spürbar schneller.
3. Arbeitsmarkt: Zweithöchste Arbeitslosigkeit, aber Frauen-Spitze
Im Jahr 2025 verzeichnete Graz eine Arbeitslosenquote von 10,8 Prozent (nach 9,72 % 2024 und 8,57 % 2023). Bundesweit weist unter den Landeshauptstädten nur Wien (13,5 %) einen höheren Wert auf. Zum Vergleich: Der Steiermark-Schnitt liegt bei 6,65 Prozent, Graz-Umgebung bei lediglich 5,58 Prozent.
Soziale Brennpunkte und Frauen-Bestwert
- Langzeitarbeitslosigkeit: Rund 50 Prozent aller Langzeitarbeitslosen der gesamten Steiermark sind in Graz gemeldet.
- Sozialunterstützung: Mit 31,3 Beziehern je 1.000 Einwohner (9.544 Personen) liegt Graz landesweit an der Spitze.
- Bruttomedianeinkommen bei Frauen auf Platz 1: Durch die hohe Dichte an Bildungseinrichtungen, Gesundheitswesen und wissensintensiven Dienstleistungen erzielen Frauen in Graz das höchste Median-Einkommen aller steirischen Bezirke. Die geschlechtsspezifische Einkommensschere ist hier am geringsten.
4. Betriebe & Lehrlinge: Gründungsboom, aber Sorgen im Handwerk
Die Gesamtzahl aktiver Gewerbetreibender kletterte in Graz seit 2015 um 23,2 Prozent auf 21.618 Betriebe (Ende Q1 2026). Allerdings divergiert die Dynamik drastisch:
- Innenstadthandel verliert: Im 1. Grazer Bezirk schrumpfte die Zahl der Handelsbetriebe im Zehnjahresvergleich um 16,2 Prozent (-38 Unternehmen).
- 17 % weniger Lehrbetriebe: Innerhalb eines Jahrzehnts brach die Zahl der Grazer Lehrbetriebe um knapp 17 Prozent ein, die Zahl der Lehrlinge sank um 13 Prozent. Im Umlandbezirk Graz-Umgebung stiegen im selben Zeitraum sowohl Lehrbetriebe als auch Lehrlinge um jeweils +3,9 Prozent.
5. Gewerbeflächennot und explodierende Bodenpreise
Wer in Graz ein Betriebsareal sucht, zahlt fast das Dreifache früherer Jahre: Die durchschnittlichen Quadratmeterpreise für Betriebsansiedlungen stiegen von 108,97 Euro (2001) auf 305,78 Euro (2025). Damit liegt Graz bundesweit hinter Innsbruck (656 €), Salzburg (627 €) und Wien (446 €) auf Rang 4.
In Grazer 1a-Geschäftslagen klettern die Mieten für kleine Einheiten bis 60 m² auf durchschnittlich 89,04 Euro je m² (Gesamtschnitt 1a-Lagen: 68,01 €/m²). Die fortschreitende Wohnbebauung verdrängt Gewerbeflächen, was Neuansiedlungen und Betriebserweiterungen zunehmend ins Umland zwingt.
6. Mobilität: 112.000 Einpendler und der Plabutschtunnel-Schock
Täglich pendeln 112.000 Menschen nach Graz ein (92.000 Erwerbstätige sowie 20.000 Schüler und Studierende). Laut Befragungen betrachten Innenstadtbesucher die Parksituation als Manko Nummer eins – 40 Prozent der Kunden im Zentrum kommen aus dem Umland.
Die Standortanalyse hebt mehrere verkehrspolitische Kernprojekte hervor:
- Dritte Röhre für den Plabutschtunnel (A9): Bis 2035 plant die ASFINAG eine Generalsanierung mit Röhrensperren. Ohne vorherigen Bau einer Entlastungsröhre würden täglich rund 20.000 Fahrzeuge durch die Grazer Innenstadt ausweichen. Volkswirtschaftliche Staukosten: rund 600 Millionen Euro – exakt in der Höhe der geschätzten Baukosten einer Entlastungsröhre.
- A9-Ausbau Süd: Dringende Errichtung des dritten Fahrstreifens in jede Richtung zwischen Graz und Spielfeld.
- Nahverkehrsknoten Gösting: S-Bahn-Halt im Grazer Norden mit Straßenbahnanbindung und Park & Ride.
- Chance Koralmbahn: Fahrzeit Graz–Klagenfurt unter 45 Minuten rückt die „Area Süd“ als zweitgrößten österreichischen Ballungsraum zusammen, erfordert aber einen leistungsfähigen Flughafenbahnhof Graz.
7. Die 10 WKO-Impulse für Graz im Überblick
Die Wirtschaftskammer Steiermark formuliert aus den Daten zehn Handlungsfelder an die Kommunalpolitik:
- Verkehr & Mobilität: Plabutschtunnel-Entlastungsröhre, 3. Spur A9 Süd, S-Bahn-Knoten Gösting, Ausbau der P+R-Anlagen (Webling, Ostbahnhof, Murpark) mit integriertem Öffi-Ticket, Parkleitsystem und Verlängerung der Altstadt-Bim bis zum Bahnhof.
- Öffentliche Räume & Sicherheit: Gastronomie und Freizeitzonen am Murufer, Ausbau sauberer öffentlicher WCs, Sicherheitsmaßnahmen und Notrufsäulen.
- Finanzen & Budget: Konsequente Haushaltskonsolidierung, Stopp kurzfristiger Schuldenaufnahmen, Aufgabenüberprüfung städtischer Beteiligungen und interkommunale Lastenverteilung mit dem Umland.
- Verwaltungseffizienz: Beschleunigte Verfahren, Reform des Altstadterhaltungsgesetzes für leichtere Sanierungen, Ausweitung von Gastgartenzeiten und Reduktion von Wintergastgarten-Gebühren.
- Flächenpolitik: Aktive Sicherung von Betriebs- und Gewerbeflächen (z. B. Hornig-Areal, Liebenauer Gürtel) im Stadtentwicklungskonzept STEK.
- Innovation & KI: Gründung eines Grazer KI-Hubs und Ausbau des gemeinsamen Forschungs- und Hochschulraums Area Süd (Graz–Klagenfurt).
- Internationale Standortposition: Vertiefung der Alpen-Adria-Achse (Slowenien, Norditalien) und internationale Investorenansprache.
- Bildung & Expats: Durchgängige internationale Schulen (International Baccalaureate an der Volksschule Leopoldinum weiterführen) und Stärkung des Fachkräfte-Netzwerks CINT.
- Nachhaltigkeit & Kreislauf: Errichtung von Naherholungszonen, Umsetzung des Energiewerks Graz und gemeinsame Ressourcenparks mit Umlandgemeinden.
- Tourismus & Storytelling: Digitale Kulturvermittlung, Verlängerung der kurzen Aufenthaltsdauer (1,76 Tage) und klare Positionierung der Marke Graz im Alpe-Adria-Raum.
Graz verfügt über außergewöhnliche wissenschaftliche und technologische Stärken. Um diese Zukunftsfähigkeit abzusichern, müssen die kommunalen Finanzen saniert, das Lehrlings- und Flächenproblem pragmatisch gelöst und Großprojekte wie die Plabutschtunnel-Entlastung vor dem Sanierungsstart entschlossen vorangetrieben werden.